Es ist geschrieben, arrangiert und eingespielt. Das vierte Album der Arctic Monkeys wirft seinen Schatten voraus. Lies hier die Geschichte zur Entstehung der neuen Songs.
„Alle waren bester Stimmung, als wir dort waren“, sagt Alex Turner. „Ich denke man hört, dass wir wirklich Spaß hatten. Als ich es meinen Freunden vorspielte, meinten sie: ‚Klingt als ob ihr eine echt gute Zeit gehabt hättet’, und wir wollten, dass es munter und lebendig rüberkommt und nicht zu ernst.“
„Es ging uns darum, mehr aus der Reise und der Erfahrung zu machen, woanders hinzufahren und die Platte einzuspielen”, erklärt Matt Helders die Entscheidung, in LA aufzunehmen. „Wir wussten, dass wir irgendwo hinreisen wollten, denn in England war zu der Zeit alles grau und hässlich.“ Alex: „Wir waren fünf Wochen lang dort, also eine ganze Weile. Aber es war anders als beim letzten Album, als wir uns in die Wüste zurückzogen; dieses Mal ging es hauptsächlich um diese Erfahrung und das Gefühl, weit weg zu sein.“
„Wir sahen uns nach Orten um, wo wir aufnehmen konnten, und dieser hier schien uns perfekt. In dem Studio, für das wir uns entschieden (Sound City), haben schon ein paar große Künstler gearbeitet … Es gibt dort einen richtig guten Drum-Raum, was natürlich ein großes Plus war. ‚Nevermind’ [Nirvana] wurde dort eingespielt.“ „Jeder sagt, dass dies der beste Drum-Raum der Welt ist“, fügt Matt hinzu, „das setzte uns also ein wenig unter Druck, denn es gibt keine Entschuldigung, falls etwas schief läuft!! Also lieber gleich gut spielen!”
Bei ‚Suck It and See’ gingen die Monkeys anders als sonst vor, wie Alex erklärt: „Dieses Mal bestand der Plan darin, die Songs schon früh zusammenzustellen und uns von ihnen leiten zu lassen. In der Vergangenheit sind sie vielleicht aus einem Riff oder einem Drumpart entstanden, der einem von uns durch den Kopf spukte, und dann bauten wir darauf auf. Dieses Mal haben wir sehr viel mehr darüber nachgedacht, was der jeweilige Song bezüglich seiner musikalischen Komponenten benötigte und wie man ihn am besten umsetzt. So etwas haben wir in der Vergangenheit auch schon gemacht, aber vielleicht nicht so intensiv wie bei diesem Album.“
Passend zu seiner Pop-Ausrichtung ist ‚Suck It and See’ deutlich mehr durcharrangiert als sein Vorgänger ‚Humbug’, wobei Jamie Cooks Gitarre eine besondere Offenbarung ist: Sie gibt den Songs Würze, Spannung und überrascht mit kurzen Explosionen unterschiedlicher Texturen. Alex: „Wir haben versucht, alles so einfach wie möglich zu halten, um den Sound zusammenzubekommen und dann so wenig wie möglich zu tun, viel Raum zu lassen und nicht so viele Overdubs und Orgeln einzusetzen.“ Matt: „Wir spielten live und nahmen auf – ohne zu mogeln!“
Alex: „Ohne nachzubessern; wir probten sehr intensiv, damit wir die Songs gut genug spielen konnten, um die Tapes nicht mehr verändern zu müssen. Und wenn es mal ein paar kleine Unebenheiten gab, haben wir sie stehenlassen.“
Matt: „Wenn man einmal damit anfängt, Dinge nachzubessern, fängt man an, jede kleine Sache optimieren zu wollen. Sobald man weiß, wie leicht man mit dem Computer etwas ändern kann, ist die Versuchung da. Selbst wenn du weißt, dass du etwas falsch gemacht hast, ist dir bewusst, dass du es verbessern kannst, was wahrscheinlich heute eine Menge Leute tun. Alles klingt so perfekt; so glatt.“
Die zwölf Songs auf dem Album sind sehr unterschiedlich in ihrem Tempo und ihrer Machart, wobei Alex Turners Gesang technisch ausgefeilter und sanfter klingt – keineswegs weniger humorvoll oder direkt, aber die Tonlage ist anders, anzüglicher. „Sie ist im Laufe der Zeit tiefer geworden“, sagt er über seine Stimme. „Viele dieser Songs habe ich zu Hause auf einer Akustikgitarre geschrieben, als ich einfach so herumsaß. Wenn ich das mache, tendiere ich dazu, sanft, leise und tief zu singen. Meistens zu tief.“
„Wenn ich sie dann mit der Band spiele, müssen wir ein paar Töne höher gehen, damit es passt. Das ist etwas, worauf wir vorher nie geachtet haben, die Tonart – die richtige Tonart zu finden – wir gingen einfach ins Studio und spielten los. Es hätte uns zu lange gedauert, die Tonart zu ändern, also ließen wir sie, wie sie war. Aber ja, in dieser Tonlage fühle ich mich jetzt wohl, sie lässt mir etwas mehr Freiraum, ist nicht so rasant wie früher.“
„Bevor wir anfingen, sprachen wir über unsere Vorstellungen von diesem Album, und eine Sache, über die absolute Einigkeit herrschte, war die Tatsache, dass wir richtig gute Songs arrangieren wollten und dann den Rest hoffentlich ohne die ursprünglichen Melodien entwickeln könnten, weil man sich sonst leicht in Schwierigkeiten bringt. Ich versuchte, gute Songwriter zu hören, also ein bisschen John Cale, den ich in den letzten Jahren immer besser finde, und Velvet Underground, aber hauptsächlich seine Soloaufnahmen wie ‚Fear’.“
„Außerdem begann ich mich für Country-Musik zu interessieren. Das ist etwas, für das ich mich bis vor kurzem nie begeistern konnte; fast so als ob ich sie früher nie verstanden hätte. Mir ist klar, dass ich niemals eine Country-Melodie schreiben werde, das würde nicht funktionieren; trotzdem kann ich dieser Musik etwas abgewinnen. Manche dieser Typen sind ganz schön clever, wie George Jones und diese Leute. Der Sound spricht mich nicht an, die Texte dagegen schon.“
‚Suck It and See’ ist voller Songs, die die Irrungen und Wirrungen von Sex und Liebe mit elementarer Bildersprache, scharfsinnigen Texten und großartigen Pop-Kultur-Metaphern ausloten – mit Bezügen zu älteren Rock’n’Roll-Klassikern („you look like you’ve been for breakfast at the Heartbreak Hotel“), diversen Softdrinks (Dandelion & Burdock, Postmix-Limonade) und Freizeitbeschäftigungen des 21. Jahrhunderts (Laserquest).
Nach der Wetter-Bildsprache der Songs „Thunderstorm“ und „Black Treacle“ befragt antwortet Alex: „Ich habe gestern noch darüber nachgedacht und mir wurde bewusst, dass der Grund dafür möglicherweise darin zu suchen ist, dass ich zum ersten Mal nicht im Erdgeschoss geschrieben habe. Ich habe das Album in New York in einer Wohnung im vierten Stock geschrieben, daher …“ Matt: „ … war er dem Himmel näher.“ Alex: „Stimmt, man guckt aus dem Fenster und sieht viel mehr Himmel …“ Matt: „Wie in Australien – der Himmel ist weiter weg …“
Für Freunde von Turners Texten gibt es ein paar klassische Zeilen: „trust some ellipses to chase you round the room” (‚Library Pictures’); „the type of kiss where teeth collide” (‚Reckless Serenade’); „I’m sure you’re still breaking hearts with all the efficiency that only youth can harness“ (‚Laserquest’).
Eine der besten findet sich im Titelsong ‚Suck It and See’: „I poured my aching heart into a pop song, I couldn’t get the hang of poetry.“ Wie viel in diesen Texten ist autobiografisch? „Ziemlich wenig“, gibt Alex zu. „Das ist etwas, das ich früher gern gemacht habe – wirklich präzise über eine erlebte Situation zu schreiben. Das habe ich später häufig bereut.“
„Und ich weiß nicht, ob es nicht auch für andere schwieriger ist, einen Song zu genießen, wenn er von deinem persönlichen Ding handelt. Ich bin dafür, Songs so gut wie möglich zu machen, und ich glaube, wenn man das erreichen will, sollte man nicht zu viel von sich selbst einbringen. Obwohl man schon ein bisschen einbringen muss, denn sonst geht es zu sehr in die andere Richtung. Das ist mir auch schon passiert. Poesie steht für mich ein paar Stufen darüber, da versteckt man sich nicht hinter einer Melodie.“
Das Album enthält außerdem mehrere tolle Rocknummern (‚Library Pictures’), von denen zwei besonders auffallen. Die erste, ‚Brick by Brick’, hat einen Killerriff und präsentiert Matt Helders bei seinem ersten Volleinsatz als Sänger: „Das hat großen Spaß gemacht“, sagt er. Das Stück basiert auf einem Schlagwort der Band. Alex: „Wir stiegen nach einem Langstreckenflug in Miami aus, hockten in der Bar, hatten die Idee zu diesem Song namens ‚Brick by Brick’ und schrieben ihn noch in derselben Nacht.“
Matt: „Es war eine Sache, die schon lange lief …“
Alex: „Stimmt, schon ein paar Wochen lang.“
Matt: „Verschiedene Zeilen, es gab wahrscheinlich tausend verschiedene Möglichkeiten, man hätte alles mögliche einsetzen können.“
Alex: „Jeder konnte einsetzen, was er wollte, solange ‚Brick by Brick’ (Ziegelstein für Ziegelstein) dazu passte. Die Liste war ursprünglich wahrscheinlich dreimal so lang wie der endgültige Song …“
Matt: „Feed your child …“
Alex: „Wir haben nie wirklich aufgeschrieben, was es war …“
Matt: „Selbst im Studio gab es noch kleine Veränderungen …”
Alex: „Wir wussten nur, dass wir drei ‘I wanna rock and roll’s’ wollten, denn ein Rock and Roll ist witzig, zwei Rock and Rolls sind noch witziger, und drei sind absolut unwiderstehlich!“
In der ersten Singleauskopplung ‚Don’t Sit Down ‘Cause I’ve Moved Your Chair’ spricht die Band diverse Dinge an, die man besser nicht tun sollte, zum Beispiel „wear your shell suit on bonfire night“ oder „do the Macarena in the devil’s lair“. Alex: „Dieser Song ist ein Konzept und nicht auf traditionelle Art und Weise entstanden. So etwas hatten wir schon häufiger, und diese Nummer gehört eindeutig dazu. ‚Brick by Brick’ ist ebenfalls ein Konzept. Wir wollen einen Song schreiben und machen letztendlich eine Liste von Dingen, die zuerst zu lang ist und dann immer weiter gekürzt wird.“
„Stimmt, ‚Don’t Sit Down ‘Cause…’ war etwas, das ich mal irgendwann so dahingesagt habe. Damals war ich mit James Ford und dem Engineer im Studio, klaute seinen Stuhl und sagte: ‚Setz dich nicht hin, ich habe deinen Stuhl weggeschoben’. James lachte: ‚Das klingt wie ein Garage-Song aus den Sechzigern oder so’. Dann meinte er: ‚Du solltest ihn schreiben’.“
„Ich überlegte mir: ‚Wenn du dich nicht hinsetzen kannst, weil ich deinen Stuhl weggeschoben habe – was für eine Liste noch viel albernerer Dinge könnte man da aufstellen, die noch gefährlicher sind. Das ist es, worum es uns bei diesem Song ging; wir wollten nicht, dass er sich hinsetzt, aber abgesehen davon kann er machen, was er will.“
Um noch einmal auf die Softdrink-Referenzen in dem hymnischen Stück ‚Suck It and See’ zurückzukommen …
Alex: „Dandelion & Burdock ist ein seltenes Brausegetränk; aus England, glaube ich.“
Matt: „Stimmt. Wahrscheinlich weniger aus London. Neulich habe ich die Kochsendung Saturday Kitchen gesehen, da wurde es in einem Rezept verwendet, und der Koch kommt aus Leeds oder so. Louise Redknapp hatte jedenfalls noch nie davon gehört.“
Alex: „Angeblich steht John Paul Jones drauf …“
Matt: „Schmeckt gut, ich sollte es mit Wodka kombinieren. Ich trinke es ziemlich häufig, weil ich weiß, wo man es kaufen kann. Meistens in Fish & Chips-Shops. Ist ziemlich süß.“
Alex: „Postmix-Getränke dagegen gibt es viel häufiger. Ich dachte mir, das wäre eine gute Analogie, um einer Frau ein Kompliment zu machen wenn sie …“
Matt: „…einzigartig ist …”
Alex: „Genau – ‚you’re rare’ … das mit einem Brausegetränk auszudrücken, erschien mir irgendwie originell.“
Arctic Monkeys sind Jamie Cook, Matt Helders, Nick O’Malley und Alex Turner. ‚Suck It and See’ ist ihr viertes Album. Es besteht aus zwölf Songs, darunter eine überarbeitete Neuversion von ‚Piledriver Waltz’ aus Turners Soundtrack zum Richard Ayoade-Film „Submarine“ (ebenfalls bei Domino erschienen). Das Album wird am Freitag, dem 3. Juni 2011, veröffentlicht. Die erste Single ‚Don’t Sit Down ‘Cause I’ve Moved Your Chair’ ist bereits am 27. Mai 2011 erhältlich.
Aber Moment mal: Was hat es eigentlich mit dem Albumtitel auf sich? Bezieht er sich auf das letzte Album ‚Humbug’, oder was?
Alex: „Irgendwie schon, aber wir tun uns immer schwer, einen Titel für eine Platte zu finden. Das war jedes Mal so, und ich weiß nicht … Ehrlich gesagt dachten wir einfach, dass dieser von allen Songtiteln am meisten Sinn macht. Es handelt sich um eine nette Redewendung, eine alte englische Redewendung (sinngemäß: „Probieren geht über Studieren“).”
Matt: „Ein bisschen wie ‚Carry On’ …“
Jon Savage 2011
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